Vom Boss zum Teamplayer

IT- und Unternehmensberater Paul Naß über seinen Lebensweg in Deutschland und den Niederlanden.

Er hat nicht nur einmal das Land verlassen – eine doppelte Grenzgeschichte

Von Miriam Naß

Kleve. Paul Naß ist auf einem Bauernhof am Niederrhein aufgewachsen, in  dem Kranenburger Dorf Niel, und arbeitet heute für eine niederländische Firma. Allein deshalb gäbe es schon reichlich über die Unterschiede  zwischen den Arbeitskulturen zu berichten. Aber damit nicht genug: Vor einigen Jahren war die Situation genau umgekehrt. Damals arbeitete er für eine deutsche Firma und leitete deren Niederlassung in den Niederlanden.

Er lebte elf Jahre im Nachbarland – und tauschte für diese Zeit im metaphorischen Sinn die deutschen Birkenstocks gegen die holländischen „Klompen“ ein.

Paul Nass im Homeoffice

 

Von Deutschland nach Holland

Während der Ausbildung zum Konditor oder des späteren Studiums im Bereich Lebensmitteltechnologie und BWL hat Paul Naß noch nicht
daran gedacht, das Land zu verlassen, denn: „Ich fühle mich hier in
Deutschland sauwohl.“ Als er dann aber 1993 in die IT-Branche wechselte, lag ein verlockendes Jobangebot einer deutschen Firma auf dem Schreibtisch. Er sollte als Geschäftsführer die Niederlassung in den Niederlanden übernehmen. Sprachliche Barrieren gab es kaum, denn vom Bauernhof kommend, beherrschte er das niederrheinische Platt – beste Voraussetzungen für die Verständigung mit den Nachbarn. Somit zögerte er nicht lange und zog in den südlichen Teil der Niederlande nach Breda.
Dort angekommen, waren nicht alle Mitarbeiter begeistert vom neuen deutschen Chef, der zunächst einen harschen Ton an den Tag legte. „Ich kannte das nicht anders, außerdem war es eine andere Zeit.

Ich hatte bis dahin immer einen deutschen Vorgesetzten gehabt, dessen Wort war nun mal Gesetz. Da prallten zwei Kulturen aufeinander“, so Paul Naß. Auch die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges waren zu spüren.

„Es gab immer noch ein kleines Feindbild von den Deutschen“, musste Naß des Öfteren feststellen. „Nach der Fußball-WM 2006 habe ich aber viel positives Feedback bekommen, dass wir Deutsche ja gar nicht mehr so stur sind, sondern sogar hilfsbereit sein können“, sagt er lachend. „Die  Einstellung hat sich also zum Glück geändert.“

Und, so seine Beobachtung, insgesamt gleichen sich Niederländer und Deutsche in den letzten Jahren stetig einander an, vor allem die jüngeren Generationen. Das war nicht immer so. Paul Naß musste beruflich lernen, das deutsche Denken in hierarchischen Strukturen abzulegen. Dabei  entdeckte er für sich die schönen Seiten der niederländischen Arbeitskultur. „Dieser ganzheitliche Team-Gedanke ist toll. Da fühle ich mich doch mehr als Niederländer – denn sie sind liberal, lockerer, alles ist per Du und die Menschen arbeiten nach dem Motto: We gaan het maar proberen.“
Aufgeschlossen gegenüber Neuem und bereit, Risiken einzugehen, da können sich seiner Meinung nach deutsche Führungskräfte die sprichwörtliche Scheibe abschneiden. „Keine Frage, deutsche  Unternehmen sind in der Regel perfekt durchstrukturiert, top organisiert
und gehen auf Nummer sicher. Das ist in Krisen-Lagen super, aber die Zurückhaltung kann der Innovation im Weg stehen.“ Er sieht das vor allem im Bereich Digitalisierung, in der Deutschland bekanntermaßen noch  großen Nachholbedarf hat.

Zurück an den Niederrhein
Seine damalige Ehefrau hatte er bereits in Deutschland kennengelernt und geheiratet, und da sie in den Niederlanden geboren war, gab es keine Probleme beim Wechsel ins Nachbarland. Die später in Breda geborenen Kinder wuchsen somit zweisprachig auf. Als diese ein schulfähiges Alter erreichten, musste eine Entscheidung her – und die Familie entschied sich für Deutschland. Aus Verbundenheit zum Niederrhein überquerte Paul Naß 2005 erneut die Grenze, behielt aber seinen Job in den Niederlanden.

„Ich bin Deutscher, der jetzt wieder in Deutschland wohnt, war aber damals  noch in Holland angestellt und habe mich später dort auch noch  selbstständig gemacht. Dann war ich eine Zeit Grenzpendler und teilweise wieder im Homeoffice. Das alles sorgte administrativ für große Verwirrung.“

Er wurde von einem Amt zum nächsten geschickt, aber keiner fühlte sich zuständig. Glücklicherweise gab es damals schon eine fachkundige  Beratung bei der Euregio Rhein-Waal – einen Vorläufer des heutigen  GrenzInfoPunkts der Euregio. „Die Mitarbeiter waren gut informiert und haben mir in beiden Ländern geholfen, vor allem bei den Themen Sozialversicherung, Krankenkasse, Kauf eines Grundstückes oder  Kindergeld. Da unterscheiden sich die Länder nach wie vor sehr stark voneinander. Beim Thema Steuern war mein Fall so komplex, da mussten Steuer-Fachleute aus beiden Ländern ran“, berichtet Paul Naß.

Zukunft in Deutschland?
So hat er in der Beratung der Euregio Rhein-Waal gelernt, dass die Krankenversicherung zwar in den Niederlanden günstiger ist, aber dort mehr Steuern gezahlt werden müssen. Ein Grundstück dort zu erwerben, ist unbezahlbar und auch Bildungs- und Gesundheitswesen sind verschieden,  sodass er immer wieder mit Erschrecken feststellen musste: „So nah die Länder beieinanderliegen, die beiden Systeme sind schwer zu kombinieren.“ Da ist es vorteilhaft und hilfreich, wenn man heutzutage eine Vermittlungsinstanz wie den GrenzInfoPunkt als Ansprechpartner hat. „Es gab für alles eine Lösung, man musste nur die richtigen Experten  kennen“, lautet sein Fazit.

Auf die Frage, wo er sich seine Zukunft vorstellt, antwortet er geradewegs: „Hier in Deutschland ist meine soziale Basis, die ich nicht mehr verlassen möchte.“ Aus der jahrelangen Berufserfahrung kann der 60-Jährige viele  Vorteile aus beiden Ländern ziehen.

„Die flache Hierarchie in den Niederlanden ist gerade für die  Innovationskraft der IT-Branche ideal. Aber die Holländer geraten hier und da mal in eine Endlos-Schleife von Diskussionen. Da versuche ich mich dann mittels einer durchdachten Struktur einzubringen, so wie ich es aus Deutschland kenne. Allerdings nähern sich in der Grenzregion die  Arbeitsweisen immer mehr einander an.“ So kann er von den Erfahrungen aus beiden Ländern profitieren und das Beste aus beiden Kulturen kombinieren…

Hier der originale Zeitungsausschnitt:

Grenzinfopunkt-Paul-Nass

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